Freiwilligenarbeit in Uganda – ein Interview

Freiwilligenarbeit in ... ist eine Interview-Serie, die exklusiv auf FREIHEITSGEFÜHLE erscheint. Verschiedenste Menschen erzählen über ihre Freiwilligen-Zeit im Ausland und ermöglichen so einen tollen Einblick in den Alltag eines Freiwilligen.

 

Stell dich doch bitte kurz vor: 

Ich heiße Esther, bin 22 Jahre alt und komme aus dem Rheinland. Meine Freiwilligenarbeit fand 2013 direkt nach dem Abitur statt. Damals war ich gerade 18 Jahre alt geworden. Ich wollte unbedingt nach Afrika, da ich mich 2012 schon in Ugandas Nachbarland Kenia verliebt hatte. Vor Ort habe ich dann 5 Wochen lang in einem Waisenheim für Babys und Kleinkinder gearbeitet. Auch in einer Grundschule durfte ich ab und zu aushelfen. Zu der Zeit bin ich noch nicht so viel gereist wie jetzt … Auch hatte ich mich wenig ehrenamtlich engagiert und wollte das unbedingt ändern!

Warum hast du dich für eine Freiwilligenarbeit entschieden?

Meine Entscheidung für Uganda war gefallen, als ich mich gegen 1 Jahr Südamerika entschied. In Peru hatte ich einen Platz in einem Hilfsprojekt, doch dann hatte ich total Lust direkt mit meinem Studium anzufangen. Die Monate zwischen Abitur und Semesteranfang kamen mir da gerade recht für Afrika.

Über welche Organisation hast du dein Projekt gemacht?

Ich bin mit der Hilfsorganisation „Gebende Hände“ nach Uganda gegangen und war sehr glücklich damit. Das Projekt in Luweero, Zentral Uganda, heißt New Hope Uganda. Außer meinem Flug und einer Spende habe ich kein Geld bezahlt, aber auch keine Aufwandsentschädigung erhalten. Die Spende kam direkt dem Projekt zu Gute und seitdem unterstütze ich das Projekt in Uganda auch monatlich mit einer kleinen Spende.

Was war das für ein Projekt?

In Luweero, Uganda habe ich in einem Waisenhaus gearbeitet, das vor allem Babys und Kleinkinder von 0 bis 5 Jahren aufgenommen hat. Die meisten Kinder waren etwa 2 Jahre alt. Das Waisenhaus gibt es erst seit einigen Jahren in Luweero, es wird von den Mitarbeitern liebevoll „New Hope“ also „neue Hoffnung“ genannt. Die Kinder, die dort behütet werden, stammen meist aus traditionell afrikansichen Familien, die nicht verhütetet haben.

Kommt in solchen Familien dann das 8., 10. oder sogar 12. Kind auf die Welt, sieht die mittellose Familie oft keinen anderen Ausweg, als das Kind wegzugeben, auszusetzen oder umzubringen. Ein großes Problem, das es in Uganda zu bekämpfen gilt. Regelmäßig gibt es also von Mitarbeitern von „New Hope“ Streifzüge durch den Busch, um ausgesetzte Kinder zu finden. Jedes Kind hat sein eigenes, tragisches Schicksal. Und jedes dieser Kinder ist so liebenswert.

Was waren deine Aufgaben in dem Projekt?

In Uganda habe ich von Montag bis Samstag gearbeitet. Sonntags war frei und sehr lange und ausgedehnte afrikanische Gottesdienste wurden gefeiert. Mit einer Mittagspause habe ich von morgens 8 Uhr bis etwa nachmittags 16 Uhr gearbeitet. Die Kinder galt es schließlich zu umsorgen, bespaßen und lieb zu haben!

Manchmal habe ich mich in dieser Zeit überfordert gefühlt … fehl am Platz, oder ganz sinnlos. Woran das lag? So viel Armut und Elend war neu für mich. Doch auch mit einer großen Sprachbarriere hatte ich zu kämpfen. Außer einer einzigen Mitarbeiterin sprach niemand drauf meiner Station ein Wort Englisch. Wenn Susan nicht da war, musste ich mich mit Händen und Füßen verständigen. Doch das klappt meist besser, als man denkt. Einmal die Woche habe ich dann noch im selben Projekt in der Grundschule ausgeholfen. Der 1. Klasse durfte ich dann Englisch- und Musikunterricht geben.

Wie viel Freizeit hattest du und wie hast du sie genutzt?

Sonntags war ein freier Tag, den ich mit meiner Gastfamilie genutzt habe. Auch abends habe ich jeden Tag mit ihnen verbracht. Die Zeit war mir viel zu kostbar, um „krank“ zu sein, oder zu fehlen, ich wollte einfach jede Sekunde im Projekt auskosten. Außer der Hauptstadt, den Viktoria See und Luweero habe ich nicht viel von Uganda gesehen. Aber das möchte ich unbedingt nachholen! Auch einen Sprachkurs konnte ich auf Grund der knappen Zeit nicht besuchen, allerdings hatte ich am Ende der 5 Wochen ein Repertoire von etwa 20 Sätzen Luganda eingeübt.

Wie waren die Mitarbeiter / Angestellten im Projekt? Die Leiter des Projekts?

In Uganda wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Meine Gastfamilie hat mich wie ihre eigene Tochter behandelt und bis heute haben wir noch guten Kontakt. Der Umgang meiner Kolleginnen mit den kleinen Kindern war anfangs jedoch etwas gewöhnungsbedürftig für mich. Im Gegensatz zu dem, was ich von Zuhause aus kannte, behandelte man die Kinder in Afrika etwas rauer. Damit meine ich nicht, nicht liebevoll. Man ist eben einfach nicht so zimperlich und wenn ein Kind etwas Böses angestellt hat, bekommt es schon mal eine leichte Ohrfeige und ein paar Schläge auf die Finger.

Meine afrikanischen Kolleginnen konnte ich vertrauen und wurde in ihrer Mitte aufgenommen. In dem Projekt befanden wir uns alle auf Augenhöhe. Leider entstand zu ihnen, mit Ausnahme von Susan, der englisch sprechenden Betreuerin, auf Grund der Sprachbarriere kein enger Kontakt.

Wie war die Stimmung im Projekt?

Ich persönlich habe in unserem Projekt keinen Streit mitbekommen. Man hat sich gegenseitig, so gut es geht, unterstützt und konnte sich auch aufeinander verlassen. Das ist meiner Meinung nach auch essentiell für ein größeres Projekt im Ausland.

Hattest du das Gefühl mit deiner Arbeit wirklich etwas zu verbessern? Ein wichtiger Teil deines Projekts zu sein?

Die Aufgaben, die ich in meinem Projekt wahrgenommen ahbe, hätten die anderen Frauen zweifellos auch ohne meine Anwesenheit erledigt. Babys und Kleinkinder wecken, anziehen, füttern, sauber machen, bespaßen, mit ihnen malen, basteln, Spaziergänge machen und sie knuddeln. Doch konnte ich auch frischen Wind in die Gruppe bringen. Beispielsweise hatten die Kinder noch nie zuvor mit Wasserfarben gemalt.

Auch unsere Hände und Füße haben wir einmal angemalt und sind dann über Papier gelaufen. Auch der sanfte Umgang mit den Kindern hat bei meinen Kolleginnen Aufmerksamkeit erregt. Ich denke also schon, dass ich für die Kinder eine wichtige Bezugsperson und für meine Mitarbeiterinnen eine Bereicherung war. Mein Erfolg lag darin, diesen Kindern, die schon so viel erlebt und gelitten hatten, ein paar schöne Wochen zu ermöglichen.

Warst du zufrieden mit der Arbeit, die du geleistet hast?

Mein Ziel war es gewesen, eine fremde Kultur kennen zu lernen, ein neues Land zu sehen und meinen Horizont zu erweitern. Ein paar Sätze Luganda zu lernen, Kinder ein wenig Freude und Hoffnung zu schenken und mich sozial einzubringen. Diese Erwartungen haben sich alle erfüllt. Ich bin glücklich nach Hause gefahren, wenn ich natürlich auch mit dem Gedanken gespielt hatte, doch noch länger zu bleiben, um noch mehr bewirken zu können.

Andererseits war es natürlich auch ein gutes Gefühl wieder völlig gesund nach Hause zu kommen. Dort fließendes Wasser, zuverlässigen Strom und die Auswahl in unseren Supermärkten zu genießen. Und auch die Belastung durch die einem ständig vor Augen geführte Armut und das Elend der Menschen fiel von mir. Vergessen habe ich es jedoch nie.

Du warst in Uganda, hat es dir dort gefallen?

Uganda ist ein ganz und gar unglaubliches Land. Die Natur ist typisch für Ostafrika und doch wieder völlig einzigartig. Die Hauptstadt Kampala ist relativ „modern“, zumindest, was den Rest des Landes betrifft. Ich träume davon, wieder nach Uganda zu fahren und eine der berühmten Gorilla-Touren durch die Berge zu unternehmen.

Wie sicher ist es dort als Freiwilliger?

Uganda ist sehr sicher, wenn man sich an bestimmte Regeln hält. Als Europäer wird man auch in der Hauptstadt, aber erst recht außerhalb, stets gemustert, aber nie bedrängt. Die Kriminalität ist nicht nennenswert hoch in Uganda, hier gibt es aber noch ein paar Informationen zur Sicherheit.

Auch die Malaria- und AIDS-Raten sind in Uganda relativ hoch. Trotzdem würde ich, mit den richtigen Impfungen, jederzeit wieder nach Uganda verreisen. Über Gepflogenheiten oder DO’s und DONT’s hat mich leider vorher niemand aufgeklärt. Einige Patzer hätte ich so definitiv vermeiden können. Deswegen habe ich in mienem Bericht über das Projekt einige Tipps zusammen gefasst. Auch wichtige Infos zu Impfungen, Krankheiten und Hygiene in Afrika findest du hier bei Esthers Travel Guide – Schau gerne mal rein!

Hast du dir das Land und die Region, bzw. das Projekt selbst ausgesucht oder wurdest du zugewiesen?

Ich habe mir mein Projekt selber ausgesucht, ich wäre aber auch innerhalb Afrikas flexibel geblieben. Da meine Cousine Jahre zuvor auch schon in New Hope Uganda mitgeholfen hatte, fiel mir die Auswahl auch nicht schwer.

Wie war die Stadt / Region in der du gewohnt hast?

Ich habe etwa 30 Minuten außerhalb meines Projekts gewohnt. Diese Stecke bin ich morgens zu Fuß gegangen. Mitten durch Uganda, das hat sich so wahnsinnig angefühlt. Eine Stadt gibt es in näherer Umgebung nicht, aber bis zur Hauptstadt fährt man nur 90 Minuten. Zugang zu Lebensmitteln und Getränken hatte ich nur durch meine Gastfamilie, ansonsten hätte ich alt ausgesehen. Wasser muss man in Uganda IMMER filtern oder abkochen. Eine medizinische Station gab es auf unserem Gelände, aber zum Glück wurde ich in Uganda nicht krank.

Wie war die sprachliche Verständigung?

Leider spreche ich kein Luganda. Und Englisch ist in meinem Projekt auch nicht besonderes verbreitet gewesen. Um zurecht zu kommen, habe ich mir wichtige Phrasen und Wörter angeeignet, die ich bis heute noch kann. Trotzdem hätte ich wahnsinnig gerne mehr gelernt!

Hast du bei einer Gastfamilie gewohnt? Wie sind deine Erfahrungen? 

Ich habe in einer Gastfamilie mit 5 Kindern gewohnt. 2 davon waren dauerhaft Zuhause. Das Zimmer habe ich mir mit dem Nesthäckchen der Familie geteilt, die das Downsyndrom hat. Auch das Bad habe ich mir mit der ganzen Familie geteilt. Abgespült wurde nur zweimal am Tag, das Duschwasser kam aus einem Wassertank auf dem Dach. Man tut einfach alles, um kostbares Wasser zu sparen! Der Standard war zwar nicht mit dem europäischen zu vergleichen, dennoch habe ich mich sehr wohl gefühlt.

Jeden Morgen haben wir zusammen gefrühstückt (Bananen und Brot) und jeden Abend haben wir beisammen gesessen, gespielt und gegessen (Maisbrei und Bohnen). Es gab keinen Fernseher, keinen Computer und nur ab und zu WLAN. Der Strom ist dauernd ausgefallen und dann wurden die Kerzen angezündet. Das war richtig cool! Ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt und war ein richtiger Teil der Familie – Danke Joy und Vicky!

Bist du froh, die Freiwilligenarbeit gemacht zu haben?

Die Zeit in Uganda gehört zu den besten Entscheidungen meines Lebens … ohne diese Wochen hätte ich nicht die geworden, die ich jetzt bin. Ich glaube, ab diesem Zeitpunkt hatte ich vielen Gleichaltrigen voraus, etwas von realer Armut gesehen zu haben. Mit Kindern zu spielen, die auf einer Müllhalde ausgesetzt worden waren. Mit Behinderten zu spielen, die in der afrikanischen Gesellschaft eine Randposition einnehmen. Mit einem nicht mit Europa vergleichbaren Standard klar zu kommen. Mich mit meinem Leben in Afrika und Deutschland konkret auseinander zu setzten.

Warst du mit der Länge zufrieden oder wärst du gerne kürzer / länger geblieben?

Ich war leider nur wenige Wochen in meinem Projekt. Natürlich wäre ich gerne länger geblieben, aber der Studienbeginn hat damals gerufen. Jeder Tag in Uganda war auch eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Was schätze ich an meinem Leben? Was kann ich Zuhause besser machen? Wie kann ich mich auch in Zukunft einbringen?

Hast du neue Freunde kennen gelernt?

Freundschaften habe ich in meiner Zeit in Afrika vor allem mit meiner Gastfamilie geschlossen. Mit einer Kollegin und natürlich mit meinen Schützlingen. Bis heute stehe ich mit meinen Gasteltern in Kontakt und habe sie nach 2013 auch noch zwei weitere Male gesehen. Die Organisation, mit der ich gegangen bin, organisiert keine Events für Freiwillige und fordert einen hohen Grad an Selbstständigkeit. Aber genau das war gut für mich 🙂

Hattest du vor Abflug Angst oder irgendwelche Bedenken?

Vor meinem Abflug war ich etwas nervös. Auch vor meinem ersten Arbeitstag habe ich mich etwas gefürchtet. Doch die Ängste haben sich im Endeffekt nicht bestätigt. Was gibt es besseres, als in einem fremden Land ins kalte Wasser springen zu müssen?

Würdest du nochmal als Freiwillige ins Ausland gehen? Was würdest du anders machen?

Nach dem Abitur kann ich jedem nur empfehlen, eine Auslandserfahrung zu sammeln. Und ein Freiwilligendienst kann einen persönlcih sehr viel bringen! Ich kann mir gut vorstellen, erneut in einem Projekt mitzuarbeiten oder sogar eine Hilfsorganisation zu gründen. Dennoch muss das jeder für sich selbst entscheiden, was er für ein Typ ist. Ich würde immer wieder nach Afrika gehen. Aber grundsätzlich brauchen so viele verschiedene Länder weltweit Hilfe!

Was würdest du anderen Feiwilligen mit auf den Weg geben?

Schon damals nach Uganda, aber jetzt nochmal verstärkt nach meinem Aufenthalt in Äthiopien im April, wurde ich in einem bestärkt: Wir führen ein unglaublich gutes Leben in Europa. Es ist nicht perfekt und nicht immer einfach, aber es ist ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was andere tagtäglich durch machen. Wie kann man dieses Privileg leben, ohne etwas an diejenigen zurückzugeben, die es nicht so gut getroffen hat?

 



 

Hey! Ich bin Esther und möchte Euch zu den schönsten Flecken dieser Erde entführen. Ich liebe den Orient, Länder und Orte abseits der typischen Touristenpfade und traditionelles Essen. Auf meinem Blog erfahrt Ihr alles Nützliche für Eure nächste Reise: Wie viel Geld brauche ich? Gibt es kulturelle Besonderheiten? Was muss man gesehen haben?

Momentan bin ich Master-Studentin der Islamwisschenschaft. So oft wie möglich versuche ich, mein Studium und meine Leidenschaft, das Reisen, miteinander zu verknüpfen. Durch meinen Schwerpunkt Arabisch, Persisch und Türkisch liegt mir der Orient ganz besonders am Herzen. Aber generell bin ich für jedes Land offen. 11 verschiedene Länder habe ich 2017 schon bereist und bis Jahresende kommen noch 9 hinzu! Neugierig geworden?

 

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