Freiwilligenarbeit in Südafrika – ein Interview

Freiwilligenarbeit in ... ist eine Interview-Serie, die exklusiv auf FREIHEITSGEFÜHLE erscheint. Verschiedenste Menschen erzählen über ihre Freiwilligen-Zeit im Ausland und ermöglichen so einen tollen Einblick in den Alltag eines Freiwilligen.

 

Stell dich doch bitte kurz vor: 

Ich heiße Helena und bin 18 Jahre alt. Nach meinem Abitur bin ich für 6 Monate als Freiwillige nach Südafrika gegangen und habe dort in einem Kindergarten geholfen.

Warum hast du dich für eine Freiwilligenarbeit entschieden?

Ich wollte nach dem Abitur unbedingt für längere Zeit ins Ausland gehen und dabei nicht ständig weiterreisen, sondern wirklich an einem Punkt bleiben und dort das Leben besser kennen lernen. Als ich mich erkundigt habe, was ich in der Zeit tun könnte, bin ich direkt bei den Freiwilligendiensten hängen geblieben und hab mich dafür dann entschieden.

Über welche Organisation hast du dein Projekt gemacht?

Ich war mit Experiment E.V. in Südafrika und kann die Organisation empfehlen. Für das Projekt habe ich ungefähr 3.500€ gezahlt, der Flug kam extra dazu. Bezahlt wurde ich während meines Aufenthaltes nicht. In Deutschland agiert Experiment E.V. als non-profit Organisation, das Geld wird an die Partnerorganisation in Südafrika weitergegeben und damit Gastfamilien und Projekte unterstützt. Negativ war, dass Gastfamilien und Projekte im Vergleich zu der hohen Summe zu wenig Geld bekommen haben und der Rest des Geldes an die Organisation in Südafrika gegangen ist.

Was war das für ein Projekt?

Ich habe im Jesse Keet Pre-Primery Kindergarten ausgeholfen. Ursprünglich wurde er mit einem sozialen Hintergrund gegründet, kostet heute allerdings pro Kind ca. 15-30€ im Monat, je nach Einkommen der Eltern.

Was waren deine Aufgaben im Projekt?

Gearbeitet habe ich von Montag bis Freitag von 8-13 Uhr, geöffnet hat der Kindergarten aber schon um halb 8 und die letzten Kinder wurden erst gegen 5 abgeholt. Aufgaben wurden mir nicht direkt zugewiesen, ich musste mir selber welche suchen, was es am Anfang schwer gemacht hat rein zu kommen. Letztendlich habe ich mich aber schnell zurecht gefunden und einfach immer wieder gefragt, wo ich helfen kann. Prinzipiell habe ich den Teachern in ihrem Alltag geholfen sich um die Kinder zu kümmern, zum Beispiel mit den Kindern auf die Toilette gehen oder nach der Brotzeit die Tische abwischen. Meist hat mein Tag damit angefangen, dass ich zusammen mit einer anderen Freiwilligen in der Küche Brote für die Kinder geschmiert habe, die sich keine Brotzeit von zuhause leisten konnten. Danach hab ich die Teacher unterstützt. Mit der Zeit wollte ich auch ein bisschen Abwechslung in den Alltag rein bringen: Zusammen mit der anderen Freiwilligen haben wir die Kinder geschminkt und kurz vor Ende meiner Zeit dort habe ich ein großen Teil des Kindergartens neu und bunter gestrichen. In meinem Projekt war viel Eigeninitiative möglich. Für Ideen haben wir lediglich das OK der Principle und der Teacher gebraucht und dann sogar etwas Geld von der Organisation für Materialien bekommen.

Wie viel Freizeit hattest du und wie hast du sie genutzt?

Über Weihnachten hatte ich mehr als 6 Wochen Ferien und bin zusammen mit anderen Freiwilligen durch Südafrika gereist. Die Wochenenden hatte ich auch immer frei, wieder zusammen mit anderen Freiwilligen, haben wir jedes Mal was anderes geamcht. Oft sind wir nach Kapstadt gefahren, waren dort feiern oder haben einfach ein gemütliches Strandwochenende gemacht. An den Nachmittagen habe ich zusammen mit der Freiwilligen aus meinem Projekt einen Fitnesskurs besucht, wir waren im Kino, in Stellenbosch unterwegs oder haben uns ausgeruht. Definitiv war uns nie langweilig.

Wie waren die Mitarbeiter / Angestellten im Projekt? Die Leiter des Projekts?

Zu uns Freiwilligen waren die Teacher (Kindergärtner) freundlich. Sie haben miteinander Afrikaans gesprochen, was am Anfang befremdlich war, aber wenn wir nachgefragt haben, haben sie es für uns immer ins Englische übersetzt. Mit der Zeit haben wir auch die Nummern ausgetauscht, um auf Whats-App zu schreiben. In unserer Freizeit haben wir aber nichts zusammen unternommen. Mit der Principle (Leiterin des Projekts) habe ich mich auch gut verstanden.

Wie war die Stimmung im Projekt?

Insgesamt war die Stimmung im Projekt gut und ich hab meinen Platz dort gefunden. Die Teacher waren zueinander freundlich, soweit ich das beobachten konnte, trotzdem haben sich natürlich Grüppchen gebildet und manche haben sich nicht so gut verstanden. Mit den Kindern war der Umgangston sehr rau und es wurde auch mal zugeschlagen, obwohl die Principle das eigentlich verboten hatte. Die Teacher waren jedoch oft einfach überfordert, da es zu viele Kinder für zu wenig Lehrer waren und die Kinder zuhause auch keine Umgangsformen gelernt haben, so dass sie frech und unerzogen waren. Das Verhältnis zwischen Teachern und Priciple war nicht gut, keiner mochte die Leiterin, sie haben sich über ihr geringes Gehalt beklagt. Ich dagegen habe mich gut mit ihr verstanden. Generell war zu mir eigentlich jeder nett.

Hattest du das Gefühl mit deiner Arbeit wirklich etwas zu verbessern? Ein wichtiger Teil deines Projekts zu sein?

Jein. Wir Freiwilligen waren deren rechte Hand und haben sie unterstützt, aber sie wären auch ohne uns ausgekommen. Erst mit dem Streichen habe ich etwas verändert, das auch bleibt und in 10 Jahren noch zu sehen ist Aber es war eben nichts Notwendiges, sondern nur eine kleine Verschönerung, die sonst keiner gemacht hätte. Ich finde, dass es einen Unterschied gemacht hat, dass ich da war, vor allem durch das Streichen dann.

Warst du zufrieden mit der Arbeit, die du geleistet hast?

Ja, durch das Streichen dann schon. Davor aber auch schon. Ich hatte keine Erwartungen, hab’s auf mich zukommen lassen. In einem halben Jahr kann man einfach nicht die Welt verändern, solche Fantasien sind unrealistisch. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit.

Du warst in Südafrika, hat es dir dort gefallen?

Richtig gut. Südafrika ist ein wunderschönes Land. Jedes Wochenende habe ich etwas anderes unternommen, es war mir nie langweilig. Meine Zeit dort war sehr abwechslungsreich und ich habe wahnsinnig nette Menschen kennen gelernt. In Südafrika sind praktisch alle freundlich und im Vergleich zu Deutschland ist es auch sehr billig.

Wie sicher ist es dort als Freiwilliger?

Mir ist in dem halben Jahr nichts passiert. Man muss sich an die Regeln halten und bekommt ein Gefühl dafür, welche Plätze man meiden soll und wo man wann sein darf. Wenn man sich komplett an die Regeln hält, passiert einem normalerweise nichts. Man kann aber natürlich Pech haben, wie überall. Die Regeln wurden uns von der Organisation und der Gastfamilie erklärt. Ich habe mich immer sicher gefühlt und keine blöden Erfahrungen gemacht. Ich habe aber auch ganz anders auf meine Sachen aufgepasst: Meine Kleidung war nie zu knapp – man weiß nie wem man begegnet, ich habe keinen Schmuck getragen und auch keine teuren Sachen dabei gehabt.

Aber es ist viel gemütlicher und entspannter als in Deutschland. Ich habe in den Tag hineingelebt.

Hast du dir das Land und die Region, bzw. das Projekt selbst ausgesucht oder wurdest du zugewiesen?

Das Land (Südafrika) und die Richtung, in die das Projekt gehen soll (Kindergarten), habe ich mir ausgesucht. Es wurde mir zugesichert, dass ich da auch hinkomme. Allerdings gibt es viele solche Projekte. Die Gegend und das genaue Projekt wurden mir zugewiesen. Grob einen Monat vor dem Start wurde mir dann mitgeteilt, dass es nach Stellenbosch geht.

Wie war die Stadt / Region in der du gewohnt hast?

Ich habe in Idas Valley gewohnt, einem Stadtteil von Stellenbosch. Idas Valley ist ein Platz für Colored People, Weiße haben hier nicht gewohnt und auch fast keine Blacks. Unterm Tag konnte man sich frei bewegen, sobald es dunkel war durfte man in dem Gebiet dort nicht mehr draußen rumlaufen. Im Zentrum von Stellenbosch wohnen hauptsächlich Weiße. Stellenbosch ist eine Universitätsstadt mit einer der wichtigsten Unis Südafrikas und gibt viel her. Es ist nicht so überlaufen und stressig wie Kapstadt, aber man hat viele Möglichkeiten für Aktivitäten wie zB. Kino, Shoppingmalls und Cafés. Im Zentrum kann man sich am Tag sowieso frei bewegen und auch in der Nacht kann man sich in der Gegend um die Bars aufhalten oder zwischen Bars und Clubs hin und her laufen.

Wie war die sprachliche Verständigung?

Gut. Ich habe nur auf Englisch gesprochen. Die Südafrikaner haben ihren eigenen Akzent, weshalb es am Anfang schwierig war, aber man ist schnell rein gekommen und hat die Leute dann gut verstanden. Im Projekt haben die Kinder nur Afrikaans gesprochen, die Kommunikation war dadurch sehr schwer. Und die Erzieher haben sich auf Afrikaans unterhalten, aber alle von ihnen haben Englisch gesprochen. Über das halbe Jahr habe ich meine Sprachkenntnisse verbessert, habe meinen Wortschatz erweitert und bin jetzt deutlich flüssiger und sicherer im Englischen.

Hast du bei einer Gastfamilie gewohnt? Wie sind deine Erfahrungen?

oder Hast du im Projekt gewohnt?

Ich habe zusammen mit der anderen deutschen Freiwilligen, die mit mir im Projekt gearbeitet hat, bei einer Gastfamilie gewohnt. Unsere Gastmutter war eine etwas ältere, alleinstehende Frau mit der ich mich super verstanden habe. Wenn etwas war, konnte man mit ihr über alles reden. Schlechte Erfahrungen habe ich überhaupt nicht gemacht.

Von außen war das Haus ganz nett, nicht mega groß, aber für die Verhältnisse eigentlich schon. Es gab Strom und fließend Wasser, auch heiß und kalt (das war mir vor Abreise nicht ganz klar). Wir hatten sogar eine Waschmaschine, die wir pro Person einmal die Woche benutzen durften. Die andere Freiwillige und ich haben uns ein Zimmer geteilt. Das Zimmer hatte eine angenehme Größe und war mit Kleiderschrank. Das Bad haben wir uns mit der Gastmutter geteilt. Essen hat sie nicht für uns gekocht, aber Essen gekauft und wir konnten uns dann in der Küche bedienen und selber kochen. Im Kühlschrank war immer Essen, keine Selbstverständlichkeit. Abspülen mussten wir mit der Hand, aber das war kein Problem.

Unsere Gastmutter hatte alles was sie braucht, hat aber nicht im Überfluss gelebt. Colored People eben.

Bist du froh die Freiwilligenarbeit gemacht zu haben?

Ja! Man hat viele Erfahrungen gesammelt und hat sich entwickelt. Ich habe einen ganz anderen Einblick in die Welt bekommen und mit der Zeit eine ganz neue Weltansicht.

Warst du mit der Länge zufrieden oder wärst du gerne länger oder kürzer geblieben?

Ich war sehr zufrieden mit den 6 Monaten. Ich hatte genug Zeit rein zu kommen und dort auch wirklich zu leben ohne mich wie ein Tourist zu fühlen und ich hatte die Zeit mir alles anzuschauen. Auch im Projekt bin ich gut rein gekommen und habe meinen Weg gefunden. Ich wäre schon gerne länger geblieben, aber eigentlich nicht. Meine beiden Freundinnen, die ich dort kennen gelernt habe, sind einen Monat vor mir abgereist. Wir sind alle Anfang Oktober gekommen und ich habe sie dann vermisst. Ohne sie hatte ich dann auch gar nicht mehr so viel zu tun. Außerdem haben mich kurz vor Ende meine Eltern besucht. Als sie dann weg waren habe ich gemerkt, dass ich mich wirklich auf Zuhause, die Familie und meine Freunde freue.

Hast du neue Freunde kennen gelernt?

Ja, ziemlich gute sogar. Ich habe mich alleine beworben und nicht zusammen mit einer Freundin aus Deutschland, was in meinen Augen die beste Entscheidung war. Wäre ich schon mit einer Freundin gekommen, wäre ich weniger offen für Neues gewesen und hätte nicht so schnell andere Leute kennen gelernt. Man ist einfach unabhängiger. In Südafrika hat sich die Organisation um ein Einführungscamp in den ersten 3 Tagen gekümmert. Man hat andere Freiwillige kennen gelernt, die in dem gleichen Monat gekommen sind. In der Gruppe haben wir uns schnell gut verstanden, keiner kannte keinen davor. Im Laufe der Zeit habe ich dann auch andere Freiwillige kennen gelernt, die schon länger dort waren. Mit manchen hat man sich natürlich besser verstanden, mit anderen nicht so gut. Und da wir in Stellenbosch gewohnt haben und da auch öfters unterwegs waren haben wir Studenten kennen gelernt mit denen wir öfters was unternommen haben. Einheimische, aber Weiße. Mit Colored und Black People haben wir in unserer Freizeit eigentlich nichts unternommen. Es gibt einfach keine Berührungspunkte. Sie sind ihren Aktivitäten nachgegangen, wir unseren. Selbst beim Weggehen hatten sie ihre eigenen Black-Clubs.

Hattest du vor Abflug Angst oder irgendwelche Bedenken?

Schon. Meine größte Angst war dass ich dort keine Leute in meinem Alter kennen lerne und mich deswegen dann langweile, aber das war überhaupt nicht der Fall. Und in den ersten Tagen im Projekt habe ich mir viele Gedanken gemacht, ob ich das wirklich schaffe das bis zum Ende durch zu ziehen. Ich war sehr skeptisch. Aber es hat nicht mal eine Woche gedauert, dann waren alle Sorgen verflogen, weil es mir so gut gefallen hat und ich so schnell rein gekommen bin. Ich habe mir natürlich auch Sorgen gemacht, dass ich sprachliche Probleme habe, aber das war überhaupt nicht der Fall.

Würdest du nochmal als Freiwilliger ins Ausland gehen? Was würdest du anders machen?

Ich würde gerne noch ein zweites Mal als Freiwilliger ins Ausland gehen. Nur würde ich nicht mehr in den Kindergarten gehen, sondern ein anderes Projekt wählen, vielleicht in einer Grundschule oder irgendwas mit Tieren. Und ich würde ein anderes Land erkunden wollen. Nach Südafrika würde ich aber jeder Zeit noch mal gehen.

Was würdest du anderen Freiwilligen mit auf den Weg gehen?

Auch wenn du zweifelst oder zögerst, mach’s auf jeden Fall! Die Erfahrung, die du sammelst und die Zeit, die du dort erlebst, kann dir niemand mehr nehmen. Und es ist absolut wert ein halbes Jahr dafür zu opfern.

1 Comment

  • Liebe Helena, danke für deine Ehrlichkeit! Auch ich hab während meiner Freiwilligen-Dienste in Kenia am meisten über mich selbst gelernt. Wenn ich deinen Bericht so lese, packt mich schon wieder die Reiselust!

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