Freiwilligenarbeit in Rumänien – ein Interview

Freiwilligenarbeit in ... ist eine Interview-Serie, die exklusiv auf FREIHEITSGEFÜHLE erscheint. Verschiedenste Menschen erzählen über ihre Freiwilligen-Zeit im Ausland und ermöglichen so einen tollen Einblick in den Alltag eines Freiwilligen.

 

Stell dich doch bitte kurz vor:

Ich heiße Anna, bin mittlerweile 21 Jahre alt und komme aus Regensburg. Auch ich bin (wie so viele Andere auch) nach dem Abi für ein Jahr ins Ausland gegangen. Das ist mittlerweile ziemlich genau 2 Jahre her. Ursprünglich wollte ich nach Südamerika. Gelandet bin ich dann … in Rumänien! Das ist eigentlich etwas ganz anderes und auch die entgegengesetzte Richtung, aber manchmal kommt es eben anders, als man denkt :D. Die meisten Leute sind tendenziell eher abgeneigt von Osteuropa, zumindest wenn es ums Urlaub machen geht. Bei mir war es anfangs eigentlich auch so, bis ich auf meinem ersten Orientierungsseminar war. Meine Organisation hat sich vorwiegend auf die osteuropäischen Länder spezialisiert und so kam es, dass auch vorwiegend Freiwillige aus dieser Region berichtet haben. Und genau dort hat es bei mir dann auch „Klick gemacht“ … ich war total fasziniert von all diesen kleinen Ländern, die auf der Landkarte rechts von Deutschland liegen, die so nah sind, aber über die man trotzdem ziemlich schlecht Bescheid weiß. Ich hatte das Glück, dass es genau dort noch ziemlich viel Unerkundetes gibt und genau deshalb hab ich mich dann für eines dieser Länder – Rumänien – entschieden.

Warum hast du dich für eine Freiwilligenarbeit entschieden? 

Nach der Schule hatte ich keine Lust gleich weiterzulernen und wollte deshalb ein bisschen „aussetzen“. Es mag im ersten Moment vielleicht ein bisschen egoistisch klingen, aber eigentlich bin ich nur mir zuliebe weggegangen, um mal wieder neue Herausforderungen zu haben und daraus zu lernen. Das Argument „ich möchte helfen“ (welches viele Leute aufzählen) lässt man, glaube ich, schnell fallen, sobald man vor Ort ist. Bestimmt trägt man zum kulturellen Austausch bei und hilft so Antipathien zu beseitigen oder zumindest abzumildern. Aber kann man in einem einjährigen Projekt wirklich „helfen“? Das wäre doch eine ziemliche Überschätzung der eigenen Position …

Über welche Organisation hast du dein Projekt gemacht?

Meine Organisation war der ICE (Initiative Christen für Europa e.V.). Das ist eine wirklich tolle Organisation mit super Vorbereitung und Betreuung. Vorwiegend werden Projekte in Osteuropa angeboten, aber auch in anderen Ländern (Westeuropa, Südamerika etc.) gibt es einige Projekte.

Was war das für ein Projekt?

Ich habe in einem Kindergarten mitgeholfen und war zusätzlich mindestens einmal pro Woche an der dazugehörigen Schule, um das Wahlfach „Deutsch Kommunikation“ zu geben.

Was waren deine Aufgaben in dem Projekt?

Im Kindergarten war ich jeden Tag und habe die Kindergärtnerinnen ganz klassisch unterstützt. Also singen, basteln, spielen … was man eben so macht im Kindergarten :D. Hier muss ich ganz klar gestehen, dass ich mir solche Aufgaben niemals auf Dauer vorstellen könnte. Ich habe mich ziemlich oft unterfordert gefühlt und mit der Zeit auch gelangweilt. Teilweise war ich auch einfach überflüssig … das klingt zwar hart, ist aber glaube ich realistisch. Man darf sich den Kindergarten jetzt auch nicht als einen Ort vorstellen, wo jeden Tag eine Horde ausgehungerter, verarmter Kinder kommt. Das gibt es generell (vor allem in ländlichen Gegenden) natürlich schon, aber meine Einsatzstelle war eher für die Mittel- bis Oberschicht bestimmt. Meine Aufgaben in der Schule hat mir dafür umso besser gefallen! Dort hatte ich eine feste Klasse zugeteilt und habe die Stunden alleine geplant und gehalten. Es war kein klassischer Unterricht (den hatten die Schüler schon im offiziellen Stundenplan), sondern eher spielerisches Deutsch lernen. Am besten ist immer das Spiel „Montagsmaler“ angekommen (vor allem Mädchen gegen Jungen :D). Hier habe ich auch wirklich gemerkt, dass die Stunden nützlich waren, was nicht heißt, dass die Kinder danach perfekt Deutsch konnten, aber zumindest haben sie mit der Zeit immer mehr die Angst vorm Sprechen und Fehler machen verloren und darauf kommt es ja zunächst einmal an, wenn man eine Sprache lernen möchte. 😉

Wie viel Freizeit hattest du und wie hast du sie genutzt?

In meiner Freizeit war ich oft in der Stadt unterwegs, habe Gitarre gespielt, war Schwimmen oder habe mich mit Freunden getroffen. Also ziemlich genau das, was man in Deutschland auch machen würde.

Wie war die Stimmung im Projekt?

Die Stimmung im Kindergarten habe ich leider als nicht so gut empfunden, da oft hinterrücks schlecht über andere Erzieherinnen geredet wurde. Teilweise lag das daran, dass es zwei Typen von Erzieherinnen gab: die klassischen Kindergärtnerinnen (mit Studium!) und dann noch deren Helfer. Und genau bei diesen Helfern waren 2-3 dabei, die nicht so gut damit klar gekommen sind, dass die Kindergärtnerinnen z.B. für die gleiche Arbeit mehr verdienen, oder es wurde behauptet, dass Andere viel weniger arbeiten als man selber oder Ähnliches. Natürlich waren das nur Wenige. Es gab auch Andere, die super süß waren und sich toll um die Kinder gekümmert haben. Solche Dinge sind – wie in den meisten Fällen – einfach persönlichkeitsabhängig.

Du warst in Rumänien, hat es dir dort gefallen?

Rumänien ist ein wirklich herrliches Land! Besonders gut hat mir die Region Siebenbürgen (auch Transilvanien genannt) gefallen. Diese liegt ziemlich in der Mitte vom Land und ist östlich und südlich von den Karpaten (Gebirge bis ca 2.000m) begrenzt. Dort ist es sehr hügelig und auch oft bewaldet. Es gibt viele kleine, ursprüngliche Dörfer, wo morgens kleine Großmütter Kühe auf die Weide treiben, man mit der Kutsche aufs Feld fährt, um mit der Sense Gras zu schneiden und man sich zur Mittagszeit einfach in die Wiese legt, um ein kleines Nickerchen zu machen :D. Deutschland war vor 100 Jahren bestimmt auch mal so. Um aber jetzt keine falschen Eindrücke zu verbreiten: diese Idylle gibt es vorwiegend auf dem Land. In der Stadt schaut das Leben schon ganz anders aus … quasi wie in Deutschland, nur mit anderer Sprache und anderem Stadtbild (oft noch kommunistische Bausweise).

Wie sicher ist es dort als Freiwilliger?

Eigentlich muss man sich keine Gedanken machen. Natürlich sollte man abends vielleicht nicht in die dunkelsten Straßen rennen, aber das würde man zu Hause ja auch nicht ;). Bevor ich losgefahren bin, habe ich ziemlich oft Dinge wie „Pass auf dich auf“ gehört. Der Osten ist uns eben doch noch fremder, als andere Gegenden der Welt. Lustig war es dann, als ich meinen Urlaub nach Moldawien geplant habe und dann von den Ungaren und Rumänen genau die gleichen Ratschläge für Moldawien bekommen habe, wie vorher von den Deutschen für Rumänien :D. Osten ist eben nicht gleich Osten ;).

Wie war die Stadt / Region in der du gewohnt hast?

Ich war in Satu Mare eingesetzt. Das ist eine Stadt mit ca 100.000 Einwohnern an der Grenze zu Ungarn und der Ukraine. Auch diese Region hat, genau wie Siebenbürgen, vor dem ersten Weltkrieg zu Ungarn gehört. Deshalb leben auch heute noch sehr viele Ungarn in dieser Region. Manche von ihnen können nicht einmal Rumänisch sprechen.

Wie war die sprachliche Verständigung?

Die sprachliche Verständigung war vor allem anfangs sehr schwer. Da meine Einrichtungen Ungarisch waren, musste auch ich Ungarisch lernen. Ich habe zwar versucht, meinen Chef zu überreden, mich Rumänisch lernen zu lassen, aber das war natürlich ohne Erfolg :D. Rumänisch ist als Romanische Sprache sehr viel einfacher, als Ungarisch. Bis dahin war ich noch in keinem Land, wo man mit Englisch nicht weiterkommt. Einzelne Leute (vor allem junge) sprechen zwar Englisch und auch Deutsch wurde oft in der Schule gelernt, aber so generell gibt es nicht besonders viele Sprachpartner, wenn man selbst keine einheimische Sprache spricht.

Hast du bei einer Gastfamilie gewohnt oder im Projekt? Wie sind deine Erfahrungen?

Ich habe in einer Art Wohnheim für Schüler gewohnt. Da es sich für die Kinder, die vom Dorf kommen, oft nicht rentiert jeden Tag in die Stadt zur Schule zu fahren, haben sie unter der Woche in einem Wohnheim in der Stadt gewohnt. Die Schüler waren alle zwischen 12 und 19 Jahre alt, das heißt, dass ich als 19-jährige Freiwillige eigentlich ganz gut dazugepasst habe. Im Gegensatz zu den Schülern hatte ich jedoch ein Einzelzimmer und einen Schlüssel für den Haupteingang. Und natürlich war ich auch am Wochenende dort, was ziemlich gruselig sein kann, wenn man alleine in einem Gebäude lebt, das eigentlich für 150 Leute ausgelegt ist (vor allem, wenn die Fenster und Türen andauernd klappern) :D.

Bist du froh, die Freiwilligenarbeit gemacht zu haben?

Ich bin total froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte und kann einen solchen Freiwilligendienst jedem weiterempfehlen! Es klingt vielleicht etwas komisch, aber das wichtigste und größte, was ich in diesem Jahr gelernt habe ist, wie gut wir es hier in Deutschland haben mit unseren relativ hohen Gehältern, dem ziemlich gut funktionierenden Gesundheitssystem und den viel niedrigeren Korruptionsraten.

Warst du mit der Länge zufrieden oder wärst du gerne kürzer / länger geblieben? 

Ein Jahr kann schon ziemlich lange sein, aber dennoch würde ich die Zeit nicht verkürzen, da es auch etwas dauert bis man sich einlebt, die Sprache lernt und Freunde findet.

Was würdest du anderen Feiwilligen mit auf den Weg geben?

Habt Spaß, genießt die Zeit und denkt nicht zu viel nach 😉

Kommentar verfassen