Freiwilligenarbeit in Kenia – ein kritisches Interview

Freiwilligenarbeit in ... ist eine Interview-Serie, die exklusiv auf FREIHEITSGEFÜHLE erscheint. Verschiedenste Menschen erzählen über ihre Freiwilligen-Zeit im Ausland und ermöglichen so einen tollen Einblick in den Alltag eines Freiwilligen.

 

Stell dich doch bitte kurz vor: 

Erinnerst du dich an diese Poesi-Alben, die wir in der Grundschule ausgetauscht und ausgefüllt haben? Lieblingsfarbe. Lieblingstier. Lieblingsessen. Lieblingsland. Lieblingsland? Da hab ich einfach „Afrika“ rein geschrieben.

Danach bekam ich von Omas und Tanten abgegriffene Bildbände und Romane über „Afrika“ geschenkt. Und dann setzte ich alles in Bewegung, als am schwarzen Brett in der Schule eine Schüleraustausch-Reise nach Südafrika angeboten wurde. Mein erster Flug, mit sechzehn, in den Sommerferien, brachte mich (mit einem Tag Verspätung) nach Johannesburg – aber das ist eigentlich eine ganz andere Geschichte.

Die, die ich hier erzählen will, ist die meiner ersten Reise nach Kenia. Und wenn du mich jetzt fragst, „Warum Kenia? Warum Afrika?“, muss dir die Einleitung als Antwort reichen.

Der Aufenthalt in Kenia war 2009. Damals war ich 19 Jahre, hatte gerade das Abi und den Jakobsweg hinter mir. Für mich begann die Zeit der Selbstentdeckung, und ohne diese und alle anderen Reisen nach Kenia und anderswohin, die danach kamen, wäre ich heute nicht die, die ich bin. Ich wäre nicht so gelassen, nicht so selbstständig, weniger achtsam und weniger selbstbewusst.

Die vier Wochen Südafrika waren die längste Reise, die ich zuvor unternommen hatte. Mit Ehrenamt hatte ich mich zuvor kaum beschäftigt. Und mit Kindern schon gar nicht.

Wie bin ich dann als Freiwillige in einem Kinderheim in Kenia gelandet? Und warum würde ich dir empfehlen, deinen Freiwilligendienst ein bisschen anders anzugehen?

Warum hast du dich für eine Freiwilligenarbeit entschieden?

Nach dem Abis stand fest: Ich wollte noch nicht gleich studieren. Ich wusste sowieso noch nicht, was. Erstmal die Welt und mich selbst ein bisschen erkunden. Ohne besonders viel Geld auf meinem Konto klang es natürlich verlockend, irgendwo freiwillig zu arbeiten und dafür das Land kennenlernen zu können.

Über welche Organisation hast du dein Projekt gemacht?

Die deutsche Organisation hieß Internationale Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD). Dort habe ich drei Projekte als Prioritäten angegeben und wurde so in das Kinderheim in Nairobi überwiesen. Es gab mehrere Vor- und Nachbereitungsseminare, die ich alle selbst bezahlte, und die mir schon mal den Weltverbesserungsanspruch nahmen. In Planspielen lernte ich globale Zusammenhänge kennen. Außerdem konnte ich Leute, die gerade aus „meinem“ Projekt zurückkamen, löchern. Insgesamt bezahlte ich etwa 500 Euro an IJGD.

IJGD verwies mich dann an das Center for International Voluntary Service (CIVS). Diese Organisation war in Nairobi für mich zuständig. Dort bezahlte ich pro Monat 160 Euro. Damit wurden deren Projekte (also das Kinderheim und all die anderen Projekte, die mit CIVS zusammenarbeiten) unterstützt, und auch die Gastfamilien. Und natürlich wurde damit auch die Arbeit der Mitarbeiter von CIVS bezahlt.

Ich habe nie irgendwo nachgefragt, ob das Geld auch ankam. Andere Freiwillige, die das gemacht haben, haben sich teilweise starkt aufgeregt, wollten Mitarbeiter zur Rede stellen und pochten auf Transparenz. Erst sehr viel später habe ich gelernt, dass Geld sehr oft ein wunder Punkt in der Beziehung zwischen Freiwilligen und Organisationen ist. Dabei dürfen wir als Freiwillige nicht vergessen, dass die Organisationen auch wirtschaftliche Unternehmen sind, in denen Angestellte arbeiten und Geld verdienen wollen.

als Freiwillige in Kenia

Was war das für ein Projekt?

Angefangen habe ich zwei Monte lang im Waisenhaus. Dort hat es mir aber nicht gut gefallen, und so war ich noch auf zwei Work Camps und einen Monat im Regenwald im Naturschutzprojekt.

Ein Work Camp dauert weniger als einen Monat und es treffen sich dort nationale und internationale Freiwillige, um einem Projekt einer kleinen Organisation auf die Sprünge zu helfen. In meinem Fall war das eine Gruppe von verwitweten Frauen, mit denen wir Freiwillige ein Hühnerhaus bauten und ein Feld anlegten.

Ich finde es wichtig, zu verstehen, wie Projekt und Organisation zusammenhängen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich selbst auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge durchblickte. Die Idee, zumindest in Kenia, ist folgende:

Eine Gemeinschaft tut sich zusammen, um ein Ziel zu erreichen, zum Beispiel ein Krankenhaus zu bauen, oder ein Aufforstungsprojekt zu starten, oder Programme in Schulen durchzuführen usw. Für mein Beispiel hier stellen wir uns einfach vor, Herr Oduor aus einem kleinen Ort in Kenia möchte der Jugend dort wieder Perspektiven geben, und zwar mit einer Berufsschule. Das Grundstück dazu gibt es schon. Er findet genügend Interessenten in der Nachbarschaft und sie gründen die „Futur Polytehnic Self Help Group“.

Eine Organisation wie CIVS sucht gezielt solche Gruppen und Projekte. Sagen wir, Thomas, ein Mitarbeiter der Organisation, setzt sich mit Herrn Odour und dessen Gruppe zusammen und entwickelt ein Konzept für die Durchführung eines Work Camps. Innerhalb von drei Wochen sollen internationale Freiwillige bei der Legung des Fundamentes helfen. Außerdem sollen, wenn die Schule erstmal steht, einzelne Freiwillige für länger kommen, um zu unterrichten.

Frau Kalundo, Thomas‘ Chefin, steht online und offline in Kontakt mit Entsende-Organisationen in Deutschland (und anderswo). Das sind die, die wie IJGD Freiwillige aus dem globalen Norden in die entsprechenden Projekte versenden wollen.

Wo kommt also das Geld her und wo geht es hin? Deutsche Organisationen bekommen manchmal Fördergelder aus staatlichen Töpfen, zum Beispiel für die Durchführung von weltwärts-Projekten. Außerdem zahlen die Freiwilligen ihren Beitrag. Davon werden Mitarbeiter bezahlt und alle anderen Sachen wie Werbung, das Essen auf Vorbereitungsseminaren, Flüge, Papierkram, usw.

Da ich hier nur aus eigener Erfahrung berichte, kann ich nicht sagen, ob deutsche Organisationen auch Geld an Partnerorganisationen zum Beispiel in Kenia senden – oder nur Freiwillige. Ich weiß aber von Workshops, die in Deutschland durchgeführt wurden und zu denen kenianische Angestellte eingeladen wurden.

Von den Organisationen im globalen Norden bekommen die Partner im globalen Süden also Freiwillige, Workshops im Ausland und nur eventuell finanzielle Mittel. Diese bringen die Freiwilligen selbst mit. Deutsche Entsendeorganisationen sind meistens gemeinnützig. In Kenia ist die Unterbringung von Freiwilligen aus dem Ausland jedoch ein Geschäftsmodell. Das macht es nicht besser oder schlechter. Es ist einfach eine Möglichkeit, Geld zu verdienen.

In Kenia zahlte ich also auch einen monatlichen Beitrag, von dem nun sowohl die Arbeit der Organisation als auch Unterbringung und Verpflegung im Projekt finanziert wurden.

Inzwischen habe ich bemerkt, dass wir Freiwilligen gern die Rolle der „Finanz-Polizei“ übernehmen. Gerade mit unserer deutschen Korrektheit bilden wir uns ein, das Recht zu haben, in die Finanzstrukturen eines Unternehmens Einblick bekommen zu dürfen, dessen Service wir in Anspruch nehmen. Aber hätten wir das auch in Deutschland bei der Entsende-Organisation verlangt? Warum? Oder warum nicht?

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Was waren deine Aufgaben in dem Projekt?

Ich kam völlig unvorbereitet ins Kinderheim. Ich konnte die Babys weder richtig halten, noch wickeln, baden, füttern und sonstige notwendigen Handgriffe leisten. Anfangs habe ich es sogar genossen, die gewaschenen Stoffwindeln auf dem Dach aufhängen zu können, um der Überforderung zu entgehen. Als ich nach zwei Monaten schließlich ein wenig eingearbeitet war, die Abläufe kannte und die Waisenkinder sich an mich gewöhnt hatten, wechselte ich das Projekt.

Ich würde heute keinem empfehlen, einen kurzen Freiwilligendienst in einem Kinderheim zu leisten. Den Kindern tut der ständige Wechsel von inkompetenten Fremden, die nur kurz als Bezugsperson fungieren, nicht gut.

Generell muss sich jeder vor seinem Freiwilligendienst bewusst machen, was er kann – und was nicht. Nur weil wir aus einem sogenannten „entwickelten“ Land kommen, ermächtigt uns das nicht, allem unseren Stempel aufzudrücken und scheinbar zu „helfen“. Mit dieser Idee wurde schon sehr viel Schade angerichtet. Was in Deutschland funktionieren mag und Sinn macht, verursacht anderswo vielleicht nur Chaos und Ungerechtigkeit.

In den anderen Projekten habe ich Feldarbeit geleistet und Briketts zum Feuermachen aus Altpapier gemacht. Ich habe Mango-Setzlinge verpflanzt und ein Feld von Steinen befreit. Ich habe gejätet und gegossen, aber auch Gespräche über AIDS an lokalen Schulen geführt, und außerdem Englisch unterrichtet.

In keinem dieser Dinge war ich gut. In keinem hatte ich eine Ausbildung. Alles habe ich vor Ort erst gelernt, doch meine Herkunft galt als ausreichende Kompetenz.

Ich rate dir dringend, dir bewusst zu machen, dass du nach dem Abi noch nicht besonders gut fürs Leben vorbereitet bist. Aber diese Reise wird dich bereichern, so wie sie mich bereichert hat. Ich habe nicht nur das Wickeln, Jäten und tausend andere Dinge gelernt – und danach übrigens wieder vergessen! Ich habe vor allem gemerkt, dass die Menschen vor Ort viel kompetenter waren als ich. Dass ich oft nur eine Belastung war, und dass sie auch ganz wunderbar ohne mich und all die anderen Freiwilligen auskommen. Ich habe gelernt, dass ich ersetzbar bin – und irgendwann konnte ich mit diesem Gefühl Frieden schließen, und wo ich nun schon mal dort war, die Menschen als Menschen kennenlernen, und nicht als Hilfsbedürftige.

Wie viel Freizeit hattest du und wie hast du sie genutzt?

Ich erinnere mich, dass ich viel gelesen und mich anfangs in meinem Zimmer verkrochen habe, weil ich ein wenig überfordert war. Nach ein paar Wochen habe ich mich anderen Freiwilligen angeschlossen und wir haben an den Wochenenden einige Ausflüge unternommen. Da gab es natürlich das typische Touristenprogramm. CIVS bot auch Safaris an.

Ich habe es aber irgendwann einfach genossen, am Leben der Menschen teilhaben zu dürfen. Ich hatte das Glück, dass es noch nicht Pflicht war, einen Fremdenführer dabei haben zu müssen, als ich meine Spaziergänge im Regenwald unternahm. So kam ich mit ein paar Frauen ins Gespräch, die Feuerholz sammelten, um es auf dem Markt zu verkaufen. ich war bei ein paar Freunden einfach mal zum Abendessen eingeladen oder hing nach dem Dienst im Kinderheim mit Leuten herum und spielte Gitarre.

Wie waren die Mitarbeiter / Angestellten im Projekt? Die Leiter des Projekts?

Die Aufreger von damals sind heute keine Aufreger mehr. Auch durchs Reisen habe ich gelernt, wie gut es tut, sich zurücknehmen, Menschen nicht zu beurteilen und unangenehme Momente einfach vorbeiziehen zu lassen. Ein paar deutsche Freiwillige warfen den Mitarbeitern auf verschiedenen Ebenen in Projekt und Organisation Intransparenz vor. Das Problem mit dem Geld, der Bezahlung für Freiwilligendienst und der Wirtschaftlichkeit solcher Organisationen habe ich ja bereits oben erwähnt.

Wer die berühmte Korruption in „Afrika“ sucht ,wird Korruption in Afrika finden. Inzwischen, acht Jahre später, weiß ich dass „Korruption“ ein sehr komplexes Thema ist. In anderen Kulturkreisen nennt man es vielleicht Wertschätzung einer Person, oder auch einfach Geschenk. Anderswo ist es eine gesellschaftliche Norm. In Deutschland ist es Korruption.

Gerade heute, bevor ich diese Fragen beantwortete, erzählte mir meine Patentante von einer Kenianerin, die aus derselben Gegend kommt wie mein Mann. Ich war dort selbst schon oft und habe inzwischen einen kleinen, wenn auch nicht allumfassenden Einblick in die Gepflogenheiten und Umgangsweisen der Menschen miteinander. Das Verhalten der Frau in Deutschland, das meine Patentante entrüstet und schockiert, bringt mich (und meinen Mann) eher zum Schmunzeln. Für uns ist es nichts Überraschendes, dass sie sich „so aufführt“, weil wir es kulturell einordnen können.

Ich habe mich immer auf die kenianischen Mitarbeiter verlassen und bin nie enttäuscht worden. Einer meiner Grundsätze beim Reisen ist: Mach es wie die Anwohner. Ich halte mich an deren Regeln und Ratschläge, und bin damit noch nie falsch gelegen.

Wie war die Stimmung im Projekt?

Im Kinderheim gab es Probleme mit der Leiterin, die später auch wechselte. Wie das unter den Mitarbeiterinnen so lief, habe ich gar nicht mitbekommen, oder ich kann mich nicht erinnern. Oft hingen natürlich die Freiwilligen zusammen, und das hat mich schnell genervt.

Im ersten Work Camp hatten wir einen Leiter, der noch nicht so viel Erfahrung hatte. Sowohl lokale als auch internationale Freiwillige vermissten ein wenig Führung. Wir diskutierten viel, entweder formal in der „großen Versammlung“ oder informell abends am Lagerfeuer. Ich war oft die letzte Nicht-Kenianerin, die noch bei den kenianischen Nachteulen dabei saß und Tee trank. So lernte ich meinen Mann kennen.

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Hattest du das Gefühl mit deiner Arbeit wirklich etwas zu verbessern? Ein wichtiger Teil deines Projekts gewesen zu sein?

Wahrscheinlich erinnert sich niemand in meinem Projekt mehr an meine Anwesenheit. Ich habe gelernt, dass ich ersetzbar bin und mich mit diesem Gedanken angefreundet. Umso wichtiger ist es, als Freiwilliger zu erkennen, dass man immer viel mehr mitnimmt als man je zurückgeben kann. Kaum einer der Menschen, mit denen ich damals zusammenarbeitete, hat auch nur den Hauch einer Möglichkeit, ein Visum für ein europäisches Land zu bekommen und sich selbst durchs Reisen weiterzuentwickeln, wie mir das möglich war. Andererseits …

Warst du zufrieden mit der Arbeit, die du geleistet hast?

… andererseits steht in dem Heimatort meines Mannes ein Krankenhaus, dessen Grundstein ich zusammen mit dem Assistant Chief gelegt habe. Ich hatte Spenden gesammelt und selbst ein Work Camp dort organisiert. Eine Freundin mobilisierte noch wesentlich höhere Geldsummen, und zumindest das Gebäude stand schließlich. Seit ein paar Wochen ist es nun ein voll funktionsfähiges Krankenhaus.

Ich schreibe das hier nicht, um anzugeben oder als Heldin dazustehen. Im Gegenteil. Wäre mir damals nicht die Idee gekommen, hätte es jemand anders gemacht. Damals gab es mir viel Antrieb und Selbstvertrauen, die Unterstützung meines Umfelds zu erfahren, weil ich „ein Krankenhaus in Kenia baute“. Heute, acht Jahre später, verbindet mich kaum mehr etwas mit der Einrichtung.

Kaum jemand dort erinnert sich auch an mich. Und das ist gut so. Ich bin dort nur sehr kurz involviert gewesen. Die lokale Bevölkerung hat das Bauprojekt durchgeführt. Und schon immer lag die Verantwortung bei den Menschen vor Ort. Natürlich macht es mich ein bisschen glücklich, zu wissen, dass ich damals dort mitgemacht habe. Aber auch hier ist mir wieder sehr bewusst, dass ich es zum Teil auch gemacht habe, eben weil es mich glücklich macht. Das ist nicht verwerflich, sondern es hat irgendwas mit irgendwelchen Hormonen in meinem Gehirn zu tun. Aus meiner Sicht die beste Variante für alle Beteiligten.

Du warst in Kenia, hat es dir dort gefallen?

Inzwischen war ich mehr als einmal dort und es ist meine zweite Heimat geworden. Die Hauptstadt Nairobi ist eine riesen Metropole und mir Landei viel zu stressig und zu hektisch. Als ich dort lebte, habe ich allerdings die Kreativität und die grandiosen Möglichkeiten, die es dort gibt, sehr bewundert.

Wenn ich mit dem Bus durchs Land fahre, bin ich jedes Mal wieder überrascht, wie vielseitig die Landschaft ist und wie sie sich ständig verändert. Meer, Steppe, Berge, grüne Hügel, Teeplantagen, Wald und große städtische Zentren – Kenia hat wirklich viel zu bieten!

Die meisten landschaftlich attraktiven Gebiete sind natürlich touristisch erschlossen. Der Eintritt in Nationalparks ist inzwischen manchmal für Touristen ziemlich teuer. Ich hatte aber schon mit 16 in Südafrika drei Tage im Bush Camp verbracht, und das ist für mich ausreichend Safari-Erfahrung. Deshalb finde ich es interessanter, auf eine Hochzeit zu gehen, in die Kirche mitgenommen zu werden oder zu einem kleinen Aussichtspunkt in der Nähe zu wandern und dort auf den Sonnenuntergang zu warten (alles so geschehen in Kenia).

Wie sicher ist es dort als Freiwilliger?

Genauso „sicher“ wie für die Anwohner, wenn man sich an deren Regeln und Verhaltensvorschläge hält. Meine Verwandten in Deutschland hielten mich für besonders „mutig“, weil ich in solch ein „gefährliches“ Land gereist war. Dabei müsste das ja erstens für alle Kenianer gelten, und die halten wir schließlich auch nicht ausdrücklich für besonders mutig.

Und zweitens entsteht das Gefühl für die „Unsicherheit“ vor allem durch Nachrichten. Dort wird ja nur über negative Vorfälle berichtet. Darum haben wir in Deutschland das latente Gefühl, dass „Afrika“ irgendwie ein unsicherer Kontinent sein muss. Natürlich gilt das für einige Orte oder Stadtteile – so wie es in Deutschland auch unsichere Ecken und Verhaltensweisen gibt.

Ja, ich bin auch einmal überfallen worden. So wie alle anderen 65 kenianischen Passagiere in dem Bus auch. Aber auch das kann einem in Deutschland passieren und macht Kenia oder „Afrika“ nicht automatisch zu einem gefährlichen oder unsicheren Ort.

In Nairobi fiel ich als Weiße nicht ganz so auf wie in ländlicheren Gegenden. Inzwischen finde ich es gar nicht so schlecht, aufzufallen, denn als Gast habe ich mich immer sehr umsorgt und sicher gefühlt. Ich bin oft allein über Land gefahren und konnte mich auf die Hilfe von anderen Mitreisenden verlassen.

Auf meiner Website findest du gesonderte und ausführlichere Artikel zum Thema Sicherheit und Krankheiten. Kurz zusammengefasst: Ich verlsse mich nicht auf die Warnmeldungen von Botschaften, und ich nehme auch keine Malaria-Prophylaxe.

Hast du dir das Land und die Region, bzw. das Projekt selbst ausgesucht oder wurdest du zugewiesen?

Ursprünglich wollte ich weltwärts in Südafrika in einem Kinderheim machen, weil ich zuvor schon einmal im Land war. Bis ich mich bewerben wollte, nahm die Organisation jedoch keine Bewerbungen mehr an. Also entschloss ich mich dafür, in ein afrikanisches Land zu gehen, wo Englisch gesprochen wird. Darauf nahm ich Rücksicht, während ich die drei Projekte bei meiner Entsende-Organisation angab. Allerdings setzte ich Prioritäten anhand der Projekte, nicht der Länder, in denen sie waren. Das Kinderheim in Nairobi war meine erste Priorität und ich durfte auch dahin. Glücklicherweise konnte ich dann innerhalb der kenianischen Organisation die Projekte noch wechseln und an Work Camps teilnehmen. CIVS schlug damals den Teilnehmern, die länger als ein paar Monate blieben, vor, sowieso an mindestens einem Work Camp teilzunehmen und die Arbeit in ihrem eigentlichen Projekt solange auszusetzen. So bekamen wir Freiwilligen noch einen anderen Einblick.

Wie war die Stadt / Region, in der du gewohnt hast?

Ich habe sowohl in der Großstadt Nairobi gelebt als auch an verschiedenen Orten auf dem Land. In mein Reisetagebuch schrieb ich nach der Ankunft auf dem Land: „Endlich bin ich im richtigen Afrika angekommen.“

Das ist natürlich völliger Quatsch. Eine moderne, quirlige Metropole wie Nairobi ist genauso „authentisch“ für Kenia wie das Dorfleben, das wirklich alle Klischees erfüllte, die ich aus den Medien kannte. Das Land an sich ist schon so vielseitig, da ist es unmöglich, den ganzen Kontinent über einen Kamm zu scheren.

Da ich auch in Deutschland immer auf dem Dort gewohnt habe, bevorzuge ich ländliche Gegenden, egal wohin ich reise.

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Wie war die sprachliche Verständigung?

Wenn du denkst, du sprichst Englisch ganz gut, dann wirst du überrascht sein, wie schwierig es manchmal ist, sich zu verständigen. Das Schulenglisch von meinen Lehrern, die keine Muttersprachler waren, half mir sehr wenig dabei, den kenianischen Akzent, den „flavour“, wie man dort so schön sagt, immer zu verstehen. Bis ich mich daran gewöhnt hatte, gab es einige Missverständnisse.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt, nur viele verschiedene Möglichkeiten, eine Sprache zu benutzen. So wie ich es inzwischen als sehr kritisch betrachte, in einem Kinderheim Freiwilligendienst zu machen, würde ich heute auch nicht mehr Sprachunterricht geben.

Hast du bei einer Gastfamilie gewohnt? Wie sind deine Erfahrungen?

Mein Gastbruder arbeitete bei CIVS. Ich hatte mein eigenes Zimmer und teilte das Bad mit den Tanten, bei denen er wohnte. Im Regenwald hatte ich sogar mein eigenes kleines Haus auf dem Grundstück der Familie. Dort haben mir die Kinder das Essen immer ins Haus gebracht und ich aß alleine, bis ich auf eigene Faust in die Küche ging und mit den anderen aß. Erst heute weiß ich, dass in Kenia der Gast so hoch angesehen ist, dass er beim Essen respektvoll in Ruhe gelassen wird.

Auf dem Land gibt es selten fließend Wasser. Elektrizität manchmal schon eher. Ich ging aufs Plumpsklo, wusch meine Kleidung mit der Hand und duschte mich mit einem Eimer. Das machte es aber nicht zum Abenteuer, dort zu leben. Auch wenn manche meiner Verwandten das so sehen. Für die meisten ist diese Art zu leben Alltag, und sie haben keine andere Wahl. Das liegt an den globalen Zusammenhängen, in denen oft Länder des globalen Nordens die des globalen Südens wirtschaftlich ausbeuten. Zumindest nehmen erstere sehr viel Einfluss auf afrikanische Länder. Die unfairen Herrschaftsstrukturen, die in der Kolonialzeit entstanden, wirken bis heute. Und „Entwicklungshilfe“ trägt hauptsächlich dazu bei, dass wir in Deutschland und der Welt ein sehr einseitiges Bild vom afrikanischen Kontinent, den Ländern darauf und den Menschen darin haben.

Warum ich das hier schreibe? Um deutlich zu machen, dass es nicht schlimmer, ärmer oder authentischer ist, auf ein Plumpsklo zu gehen anstatt auf eines aus Porzellan mit Wasserspülung. Dass es mich nicht zur Heldin und die Plumpsklo-Besitzer nicht zu armen Opfern macht. Und dass es trotzdem nicht angebracht ist, zu betonen, wie glücklich die Menschen mit diesem „einfachen“ Leben seien. Denn das steht uns Freiwilligen nun wirklich nicht zu: zu beurteilen, wie glücklich jemand sei. Denn wenn ihnen die Möglichkeiten offen stünden so wie mir, würden einige meiner kenianischen Freunde sicher die Wasserklo-Variante wählen.

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Bist du froh, die Freiwilligenarbeit gemacht zu haben?

Absolut! Alles, was ich hier schreibe, ist der Beweis dafür, dass sich Freiwilligenarbeit schon allein deshalb lohnt, weil man so viel lernt, sich selbst weiterentwickelt und im besten Falle merkt, dass die eigene Sichtweise und Handlung nicht die einzig richtige ist.

Warst du mit der Länge zufrieden oder wärst du gerne länger / kürzer geblieben?

Ich habe mir nach dem Abi zwei Jahre Auszeit genommen und wirklich viel unternommen. Ich war in diesem Zeitraum gleich zweimal in Kenia und bin auch später immer wieder zurückgekehrt. Für mich waren die ersten fünf Monate ideal.

Hast du neue Freunde kennen gelernt?

Es gab ganz viele andere Deutsche, von denen ich mich irgendwann ferngehalten habe, weil ich sie oft zu laut und unsensibel fand. Ich habe nur zu ganz wenigen Leuten aus der Anfangszeit noch Kontakt, sowohl aus Kenia als auch aus anderen europäischen Ländern. Einige davon haben mich besucht oder ich sie. Und einen von ihnen habe ich inzwischen geheiratet.

Hattest du vor Abflug Angst oder irgendwelche Bedenken?

Vor meinen Reisen habe ich keine Erwartungen. Das ist fast schon ein meditativer Zustand, und ich weiß nicht, wie ich ihn immer wieder aufbaue. Das klappt nur beim Reisen so gut.

Natürlich male ich mir Dinge aus, die passieren könnten, gute wie schlechte. Meistens eher gute als schlechte. Doch sobald ich den Boden am Zielflughafen berührt habe, sind alle Erwartungen wie weggeblasen und was bleibt ist eine große Offenheit und Vorfreude. Ich muss wirklich mal darauf achten, wie mein Unterbewusstsein das macht. Vor Arztbesuchen könnte ich diese Haltung auch gut gebrauchen.

Würdest du nochmal als Freiwilliger ins Ausland gehen? Was würdest du anders machen?

Ich habe es fest vor. Freiwilligendienst ist eine so tolle Möglichkeit, ein Land – und vor allem sich selbst – ganz anders kennenzulernen. Ich würde mich vorher jedoch genauer mit einigen historischen und politischen Hintergründen beschäftigen. Musik aus dem Land hören. Ein Buch von einem Autor aus dem Land lesen. Und wiederum offen sein dafür, dort etwas ganz Anders zu entdecken. Vor allem aber würde ich meine Beweggründe sehr genau erforschen und untersuchen, welche Voreingenommenheit über das Land ich mit mir herumschleppe und woher sie kommt.

Was würdest du anderen Freiwilligen mit auf den Weg geben?

  1. Lass alle Erwartungen los. Da hilft es schon, diese aufzuschreiben. Wie ein Reisetagebuch, das lange vor der Reise beginnt.
  2. Sei dir bewusst, dass der Freiwilligendienst in erster Linie dir selbst hilft und nutzt. Es ist ein Privileg, so einen Dienst machen zu können.
  3. Du wirst nicht die Welt retten. Es ist auch nicht deine Aufgabe und selten deine Kompetenz, anderen zu „helfen“. Aber du kannst mit Menschen in Kontakt kommen, die ein anderes Leben leben als du. Und dadurch trägst du dazu bei, dass die Welt ein Stück enger zum globalen Dorf zusammenwächst.

Jeder Ausflug ist eine Reise. Jede Begegnung bedeutet Austausch. Jeder Fremde ist ein möglicher Freund.

 



Über die Interviewte: 

Laura Omamo war in Kenia und der Welt unterwegs als Freiwillige, Studierende, Praktikantin, Besucherin und schließlich als Teil einer Familie. Eines Tages fand sie ihre eigenen Videoclips aus Kenia erschreckend einseitig und unfair den gefilmten Personen gegenüber. Deshalb bereitet sie nun junge Leute auf ihre Reisen vor auf mind-set-travel.com. Für Freiwillige organisiert sie das Frei!Fest, den weltweit ersten Online-Kongress für junge Leute, die noch Inspiration und Experten-Wissen für ihre Reise brauchen.

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