Freiwilligenarbeit in Brasilien – ein Interview

Freiwilligenarbeit in ... ist eine Interview-Serie, die exklusiv auf FREIHEITSGEFÜHLE erscheint. Verschiedenste Menschen erzählen über ihre Freiwilligen-Zeit im Ausland und ermöglichen so einen tollen Einblick in den Alltag eines Freiwilligen.

 

Stell dich doch bitte kurz vor: 

Ich heiße Milena und bin 20 Jahre alt. Ich bin im September 2015 nach Ponta Grossa im Süden Brasiliens aufgebrochen, um ein Jahr in einer Vorschule mitzuhelfen. Das war direkt nach dem Abi und ich war 18 Jahre alt. Davor war ich Gruppenleiterin bei den Ministranten und da habe ich auch gemerkt, dass mir die Arbeit mit Kindern sehr viel Spaß macht. Gereist bin ich davor schon relativ viel, auch mit der Schule und natürlich mit meiner Familie. Ich war auch 2012/2013 für ein Schuljahr in Kanada. In Brasilien habe ich das erste halbe Jahr in einer Vorschule für Kinder von 0 bis 5 Jahren gearbeitet, und dann das zweite Halbjahr in einer Nachmittagsbetreuung für Schulkinder. Ich musste wechseln, weil in der Vorschule noch eine andere Freiwillige war und für uns zwei war einfach nicht genug Arbeit und Platz dort.

Warum hast du dich für eine Freiwilligenarbeit entschieden?

Ich hab mich für die Freiwilligenarbeit entschieden, weil ich gerne in eine andere Kultur eintauchen wollte und das Leben aus der Sicht von Einheimischen erleben wollte. Dass ich meinen kleinen Teil zu einer verbundeneren Welt beitragen konnte, hat mich auch sehr dran gereizt. Die Sprache war natürlich auch ein großer Pluspunkt. Eigentlich wollte ich immer schon Spanisch lernen, aber daraus ist dann leider nichts geworden … Aber trotzdem war mein Jahr in Brasilien so perfekt!

Über welche Organisation hast du dein Projekt gemacht?

Ich habe mein FSJ mit dem Orden der Steyler Missionsschwestern gemacht. Die haben ein Programm, das auch von „weltwärts“ gefördert ist. Dieses Programm heißt „MaZ“ (MissionarIn auf Zeit) und soll jungen Menschen die Möglichkeit geben, ein FSJ mit einem religiösen Hintergrund zu machen. Die Freiwilligen leben entweder mit Schwestern, in einer WG oder in einer Gastfamilie. Ich habe in einer Gastfamilie gelebt. Ich habe mich eigentlich nicht wegen dem Religiösen für den Orden entschieden, sondern weil mich die familiäre Atmosphäre in unserer Gruppe begeistert hat und weil wir mehr Vorbereitungskurse als andere Organisationen hatten. Dafür habe ich 320€ gezahlt, weil nur eine bestimmte Anzahl von Kursen von „weltwärts“ gefördert wird. Ich habe dann auch einen Spendenkreis aufgebaut, weil nur 75% des Programmpreises durch „weltwärts“ übernommen wird. Da hab ich insgesamt 1900€ gesammelt. Das Geld kam durch Spendenaufrufe in der Kirche und in anderen Einrichtungen zusammen. Am Ende musste ich dann noch ca. 250€ für das Visum bezahlten. Ich finde aber, dass die Kosten insgesamt sehr niedrig waren, dafür, dass ich ein Jahr weg war und Kost und Logis und ein Taschengeld von 100€ im Monat bekommen habe (das ist für Brasilianer aber viel, da ein Euro ca. 3,50 Brasilianische Real wert ist).

Das Geld, dass ich bezahlt habe, wurde einerseits für die Vorbereitung und Nachbereitung genutzt, aber der größte Teil wurde dafür benutzt, die restlichen Programmkosten zu decken und meine Gastfamilie zu unterstützten.

Ich würde die Steyler Missionsschwestern auf jeden Fall weiterempfehlen, vor allem für junge Leute, die gerne mal einen Einblick in einen religiösen Orden gewinnen möchten, viele neue Freunde gewinnen möchten und eine sehr intensive Vor- und Nachbereitung für ihr Auslandsjahr haben möchten.

Was war das für ein Projekt?

Ich habe in meinem Jahr in Brasilien in zwei verschiedenen Projekten gearbeitet. Das erste Halbjahr in einer Vorschule, die von den Steyler Missionsschwestern dort gegründet wurde. Sie haben dort eine Schule mit Universität gegründet (vor ca. 100 Jahren), die Babys über Grundschüler über Abiturienten bis Studenten besuchen können. Meine „Creche“ (das brasilianische Wort für Vorschule) gehört zwar zu der Schule, ist aber ein bisschen abgelegen in einer „Favela“ (Armenviertel). Dort sollen Kinder, deren Eltern keine Möglichkeit haben, das Schulgeld zu bezahlen, eine Möglichkeit zur Betreuung und zur anfänglichen grundlegenden Bildung bekommen. Die meisten Eltern zahlen aber ein bisschen, das was sie pro Monat aufbringen können (ca. 20 Reais im Monat, das sind 6€), um die Schule ein wenig zu unterstützen. Der Rest wird durch Spenden finanziert.

In meinem zweiten Projekt, einer Vormittags- bzw. Nachmittagsbetreuung (in Brasilien gehen die Kinder entweder vormittags oder nachmittags in die Schule) habe ich ab Februar gearbeitet, also nach den brasilianischen Sommerferien. Dieses Projekt ist auch von den Steyler Missionsschwestern. Dort können die Kinder hinkommen, um ihre Hausaufgaben zu machen und Sport-, Musik-, Kunst- und andere Angebote wahrzunehmen. Dieses Projekt besteht schon seit ca. 20 Jahren. Die Eltern müssen auch dort keine Gebühren bezahlen, bzw. nur das, was sie aufbringen können. Der Rest wird durch die „Prefeitura“, also die Stadtverwaltung finanziert.

Was waren diene Aufgaben in dem Projekt?

Meine Arbeitszeiten waren in beiden Projekten von 8:30 bis 17:00 Uhr. In meiner ersten Arbeitsstelle habe ich die Lehrerinnen der Größten, also der 4-5 jährigen unterstützt. Ich habe mit ihnen Aktivitäten vorbereitet, auf die Kinder aufgepasst, während sie draußen gespielt haben, mit ihnen gespielt, gemalt und gelernt. Es gab immer was Anderes für mich zu tun, und viele Aufgaben habe ich mir selbst gefunden.

In meinem zweiten Projekt waren meine Aufgaben am Anfang auch ähnlich, nur dass alles viel anstrengender war, weil die Kinder schon größer sind. Ich habe mit ihnen Fußball gespielt, mit ihnen gesungen, bei der Aufsicht mitgeholfen, und auch manchmal bei der Essensausgabe. In der Hausaufgabenbetreuung hab ich mir oft schwächere Schüler geholt und ihnen ein bisschen „Nachhilfe“ gegeben. Ca. drei Monate vor dem Ende meines Einsatzes hat die Leiterin dann eine Spende aus Deutschland bekommen und damit einige Musikinstrumente gekauft, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, diese mal auszuprobieren und ein bisschen was zu lernen. Ab dann war ich sehr damit beschäftigt Musikstunden zu geben. Ich habe den Kindern Klavierspielen beigebracht, ein bisschen Gitarre und mit ihnen gesungen. Diese Arbeit hat mir am meisten Spaß gemacht.

Wie viel Freizeit hattest du und wie hast du sie genutzt?

Ich hatte die Wochenenden immer frei. Da hab ich viel mit einer anderen Freiwilligen unternommen und im zweiten Halbjahr habe ich mich verliebt und dann natürlich auch viel mit meinem (jetzigen 😉 ) Freund. Auch mit meiner Gastfamilie hab ich viel unternommen, vor allem an den Abenden nach der Arbeit. Ich hatte insgesamt vier Wochen Ferien. Da hat mich mein Vater besucht und wir haben eine Rundreise durch Brasilien gemacht. Es ist wirklich ein wunderschönes Land mit sehr schöner Natur und vielen interessanten Plätzen und Menschen.

Wie waren die Mitarbeiter / Angestellten im Projekt? Die Leiter des Projekts?

Mit meinen Arbeitskollegen und meiner Chefin im ersten Projekt hatte ich nicht so viel Glück. Sie haben sich nicht wirklich um mich gekümmert und da meine Sprachkenntnisse noch nicht so gut waren, fiel es mir am Anfang sehr schwer. Das hat sich aber mit der Zeit gebessert und ich habe sie näher kennengelernt. Sie waren nett, aber ihr Umgang mit den Kindern hat mich ein bisschen gestört. Sie waren sehr passiv, sind nicht auf die Kinder eingegangen und haben sich ziemlich viel mit ihren Handys beschäftigt. Das ist zwar ein Teil der brasilianischen Kultur, wie ich dann später festgestellt habe, aber es war doch ein bisschen too much für mich.

Dafür habe ich im zweiten Projekt total Glück mit meinen Arbeitskollegen gehabt. Sie haben mich gleich wie eine von ihnen aufgenommen, als Kollegin und Freundin. Sie haben alle meine Fragen beantwortet und sich gut um mich gekümmert. Dort habe ich auch meinen Freund kennengelernt, und so bin ich gleich von Anfang an in ihren Kreis aufgenommen worden. Ihr Umgang mit den Kindern hat mir auch viel besser gefallen, sie haben sie viel liebevoller behandelt und haben sich viel mehr mit ihnen beschäftigt. Meine Kollegen aus diesem Projekt sind sehr gute Freunde für mich geworden und ich bin sehr froh, dort gelandet zu sein.

Wie war die Stimmung im Projekt?

In meinem ersten Projekt war die Stimmung eher verhalten. Jeder hat sich eher für sich interessiert und für mich hat sich eigentlich keiner interessiert. Ich konnte dann schon auf die meisten zugehen und mit ihnen ins Gespräch kommen, aber eine richtige Freundschaft ist nicht entstanden. Das lag aber auch viel an der Chefin, die bei allen relativ unbeliebt war und mit ihrer Art alle ein bisschen demotiviert hat. Es haben zwar alle ihre Aufgaben gut gemacht, aber ich habe mich nicht so richtig zurechtgefunden, weil ich die Kinder anders behandelt habe (mit ihnen gespielt, sie auch mal auf den Arm genommen) und das für die anderen Lehrerinnen ziemlich unverständlich war. Somit habe ich mich nie so richtig zugehörig gefühlt.

In meinem zweiten Projekt war die Stimmung dann allerdings umso besser. Die LehrerInnen waren alle sehr gut befreundet, jeder hat mir angepackt. Auch bei wichtigen Entscheidungen hat uns die Leiterin immer mit einbezogen. Jeder hat alles gemacht, so saß auch mal eine Lehrerin in der Küche und hat beim Kartoffelschälen mitgeholfen, weil eine Köchin krank war. Ich habe mich sehr wohlgefühlt, weil wir einfach alle auf einer Wellenlänge waren und uns sehr gut verstanden haben. An Lachen hat es auch nicht gefehlt :).

Hattest du das Gefühl mit deiner Arbeit wirklich etwas zu verbessern? Ein wichtiger Teil deines Projektes zu sein?

Im ersten Projekt war ich nur zwei Monate, da hab ich mitgeholfen, aber ich war praktisch noch in der Eingewöhnungsphase und konnte mich noch nicht so wirklich selbstständig einbringen. Da habe ich mich manchmal auch eher wie ein Klotz am Bein gefühlt als eine Hilfe für die Lehrerinnen.

In meinem anderen Projekt hatte ich schon das Gefühl, dass ich ein wichtiger Teil der Arbeit dort war. Die Kinder konnten viel durch mich lernen, sie haben viel über die Welt erfahren, weil ich ihnen viel erzählt habe. Auch mit meinen Musikstunden konnte ich viel für sie tun. Es war immer sehr schön zu sehen, wie die Kinder mit Enthusiasmus dabei waren und wirklich bereit waren, mehr zu lernen und zu erfahren.

Warst du zufrieden mit der Arbeit, die du geleistet hast? 

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit in der zweiten Einsatzstelle. Es war wirklich super, wie ich sehen konnte, dass die Kinder immer gerne zu uns gekommen sind und so wissbegierig waren. Natürlich bin ich auch sehr stolz auf meine Arbeit, weil ich den Kindern etwas beibringen konnte, was sie sonst nie gelernt hätten.

Du warst in Brasilien, hat es dir dort gefallen?

Mir hat es sehr gefallen in Brasilien, auch trotz anfänglicher Schwierigkeiten. Doch nachdem ich den Kulturschock und die Sprachhindernisse überwunden hatte, hätte es mir nicht besser gehen können. Die Einheimischen sind sehr offen und helfen wo sie können. Auch die Natur ist atemberaubend, was ich bei Ausflügen hautnah mitbekommen konnte.

Wie sicher ist es dort als Freiwilliger?

Ich war im Süden Brasiliens, der eh schon sicherer ist als der Rest und dort in einer mittelgroßen Stadt (ca. 300 000 Einwohner). Deswegen war es relativ sicher. Mir ist nie was passiert, aber ich musste mich schon an gewisse Regeln halten, wie zB. nie in der Dunkelheit alleine rausgehen oder mit zu kurzer Kleidung rumlaufen. Dass ich Ausländer war, hat man mir aber von außen gar nicht angesehen, weil es in Ponta Grossa viele Menschen europäischer Abstammung gibt. Deshalb hatte ich keine Probleme aufgrund meiner Hautfarbe.

Hast du dir das Land und die Region, bzw. das Projekt selber ausgesucht oder wurdest du zugewiesen? 

Ich habe mir nur den Kontinent ausgesucht. Eigentlich wollte ich in ein spanisch sprachiges Land und ich hatte auch schon eine Stelle in Argentinien, aus der ist aber dann leider nichts geworden. So ist es dann Brasilien geworden. Ich habe mir auch gewünscht, mit Kindern zu arbeiten, aber da die meisten Projekte eh mit Kindern sind, gab es da keine Probleme.

Wie war die Stadt / Region in der du gewohnt hast? 

Ich habe in einer Stadt gewohnt, in einem Stadtteil des Mittelstands. Es gab eigentlich alles, was man sich wünschen kann, Busse, Supermärkte, Kinos, Krankenhäuser, etc. In der Hinsicht war ich also echt verwöhnt :).

Wie war die sprachliche Verständigung? 

Ich habe davor ein paar Portugiesisch Stunden genommen, aber da hab ich wirklich nur die Basics gelernt. An meinem Einsatzort habe ich mich dann erstaunlich schnell sehr gut unterhalten können, was an dem intensiven Zusammenleben in der Familie und in der Arbeit lag.

Hast du bei einer Gastfamilie gewohnt? Wie sind deine Erfahrungen?

Bei meiner Gastfamilie ist es mir sehr gut gegangen. Ich hatte ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad, was daran lag, dass ich mit einem kinderlosen Paar in einem relativ großen Haus gelebt hab. Essen habe ich auch immer bekommen. Die beiden waren sehr nett, ich hab mich auf Anhieb gut mit ihnen verstanden, und weil sie mir viele Fragen gestellt haben, hat es uns auch nie an Gesprächsstoff gefehlt.

Ich durfte eigentlich alles machen, was ich wollte, solange ich davor Bescheid gesagt habe. Ich hatte auch Wlan, also mit der Kommunikation mit meiner Familie gab es keine Probleme.

Insgesamt hab ich mich total wohlgefühlt mit meiner Gastfamilie!

Bist du froh, die Freiwilligenarbeit gemacht zu haben?

Ich bin total froh, dass FSJ gemacht zu haben. Ich habe die Zeit einfach gebraucht, um nach dem Abi mal drüber nachzudenken was ich eigentlich will und es hat mir sogar dabei geholfen herauszufinden, was ich später mal machen will. Ich freu mich auch sehr, dass ich jetzt eine komplette neue Sprache kann.

Warst du mit der Länge zufrieden oder wärst du gerne kürzer / länger geblieben? 

Ich wäre gerne länger geblieben, einfach weil ich meinen Freund dort zurücklassen musste und weil mir die Arbeit sehr viel Spaß gemacht hat. Der Abschied war der schwerste meines Lebens …

Hast du neue Freunde kennen gelernt?

Ich war mit einer anderen Freiwilligen in der Stadt und wir haben uns sehr gut verstanden und sind bis heute noch befreundet. Leider klappts mit dem Treffen nicht so gut, weil sie auf der anderen Seite von Deutschland wohnt …

Ich habe dort auch meinen Freund kennengelernt durch den die Zeit sehr viel besser war. Auch seine Familie ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich war jetzt in den Semesterferien nochmal dort und plane ihn auch in den nächsten wieder zu besuchen.

Meine Arbeitskollegen und meine Gastfamilie sind sehr gute Freunde von mir geworden. Wir haben oft was miteinander unternommen und haben uns auch in der Arbeit sehr gut verstanden.

Hattest du vor Abflug Angst oder irgendwelche Bedenken?

Ich bin eigentlich ohne konkrete Erwartungen nach Brasilien geflogen, da mir keiner so richtig sagen konnte, was dort so abläuft, weil vor mir von der Organisation noch keiner dort war. Deshalb habe ich das Ganze so auf mich zukommen lassen und hatte nicht viele Bedenken. Ich hatte aber Angst, dass es mit der Sprache nicht klappen könnte, aber die ist ganz schnell verflogen, als ich dort ankam und die Kommunikation erstaunlich leicht viel.

Würdest du nochmal als Freiwilliger ins Ausland gehen? Was würdest du anders machen?

Ja, ich würde nochmal als Freiwillige ins Ausland gehen. Es war die beste Zeit meines Lebens, ich habe sehr viel Spaß gehabt und das Gefühl, etwas Sinvolles mit mir anzufangen. Ich würde wahrscheinlich mit einer anderen Organisation gehen, weil die Steyler Missionsschwestern nur nach Südamerika, Indien, die Philippinen und die USA entsendet und ich gerne mal nach Afrika gehen würde. Ich würde es aber wieder von einer Organisation organisieren lassen, denn ich hab damit eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht. Vielleicht würde ich nicht so lange weg gehen, ein halbes Jahr würde mir auch schon reichen.

Was würdest du anderen Freiwilligen mit auf den Weg geben?

Lasst alles einfach auf euch zukommen, auch Dinge, die im ersten Moment schrecklich erscheinen haben ihre guten Seiten!

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